Editorial
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Abstract:
Liebe LeserInnen
Ein Modell kann – wie eine Analogie – im Aufzeigen von Zusammenhängen mehr oder weniger fruchtbar sein, aber nicht wahr oder falsch. Das von Peer Schilperoord vorgeschlagene neue Modell für die Urpflanze, nämlich die mehrjährige, holzbildende Pflanze, erweist seine Fruchtbarkeit nicht nur im phylogenetischen Sinn, insofern die mehrjährigen Gewächse eine übergeordnete Kategorie bilden, aus der die einjährigen gut abgeleitet werden können, sondern auch im Vergleich historischer Konzepte der Morphologie. Dies hat der Autor in einer zweiteiligen Review herausgearbeitet, die eine Erneuerung von Goethes Metamorphosenlehre unter Berücksichtigung der Entwicklungen in der Botanik seit 1790 anstrebt. Im ersten Teil im Heft 123 der Elemente der Naturwissenschaft wurden verschiedene Konzepte der pflanzlichen Grundorgane und Goethes Typuskonzept vorgestellt. Der hier vorliegende zweite Teil geht auf unterschiedliche Ansätze zur Homologisierung von Blütenorganen mit dem Laubblatt ein und beschreibt schliesslich anschaulich die Sprossknospennatur der Blüte.
In einem 2025 erschienenen Buch über die Kulturpflanzen der Schweiz wird deutlich, dass sich der Autor nicht nur theoretisch mit Pflanzenmorphologie befasst hat, sondern bei seinen Überlegungen aus einer intimen jahrzehntelangen Praxis in Anbau und Züchtung schöpfen konnte. Lebendig und auf vielfältigen Ebenen bringt er seinen LeserInnen die Geschichte der in der Schweiz kultivierten Nahrungs- und Nutzpflanzen nahe. Diesem Buch widmen wir in der aktuellen Nummer einige Seiten, neben anderen Rezensionen.
Im zweiten Artikel geht es um zwei der ältesten in der anthroposophischen Medizin verwendeten Heilmittel: die pflanzensauren Eisenpräparate Prunuseisen und Roseneisen. Bei diesen nach dem rhythmischen Verfahren der WALA hergestellten Präparaten wurde über mehrere Jahre untersucht, wie sich die Zugabe von Hämatit auf die Qualität der Urtinkturen auswirkt. Dabei kam eine Vielzahl von Methoden zum Einsatz: die Steigbildmethode, sensorische Untersuchungen, pHMessungen, Trockensubstanzbestimmungen, Dünnschichtchromatografie und Atomabsorptionspektroskopie. Beatrix Waldburger zeigt auf, wie sich die Hämatitzugabe impulsierend auf das dynamische Geschehen bei der Rhythmisierung und Lagerung der Tinkturen auswirkt.
Renatus Derbidge skizziert in seinem Essay, dass sich in der anthroposophischen Forschergemeinschaft etwa seit der Jahrtausendwende Akzentverschiebungen in drei Richtungen herauskristallisiert haben. Zwischen methodisch ausgearbeiteter Meditationsforschung zu Imagination – Inspiration – Intuition und direkten Naturzugängen mit übersinnlicher Wahrnehmung positioniert er den Goetheanismus als anthroposophischen Schulungsweg in der Mitte. Handelt es sich um unterschiedliche Wege – oder um einen einzigen Weg, der sich in verschiedenen Gesten ausdrückt? Die verschiedenen Zugänge werden in ihren Stärken und Schwächen sorgfältig dargestellt und verglichen. Die Ergebnisse werden in einer Gegenüberstellung gebündelt und zeigen den Goetheanismus mit einem klaren methodischen Aufbau, seiner Treue zum Phänomen und der «rekonstruierenden Mitteilbarkeit» als Schulungsweg der Mitte.
In «Aktuelle Forschung kommentiert» haben Johannes Wirz und ich im Gespräch über einige Studien zum Zusammenhang von Mensch und Erde, von Landwirtschaftssystemen und menschlicher Gesundheit erneut die Frage aufgeworfen, wann es wohl gelingen kann, die Verbindung von Gewinnmaximierung und Politik zum Wohl von Mensch und Erde aufzubrechen – vielleicht letztendlich sogar aus ökonomischen Gründen!? Die Rubrik Kolloquium wird erfreulicherweise durch eine Leserzuschrift von Nikolai Fuchs und einen Tagungsbericht von Martin Errenst belebt.
Ich wünsche Ihnen Interesse und Freude bei einer abwechslungsreichen Lektüre.
Ruth Richter mit Grüssen vom ganzen Redaktionsteam